Nietzsche Aphorismen



Quellen
Menschliches, Allzumenschliches
Morgenröte
Die fröhliche Wissenschaft

Zielgruppe
Lektüre für Freunde des „Hauses“ und des Denkens

Ziel
Minimierung von Enttäuschungen = Lebensqualität (?)

Einstimmung
„Die Luft dünn und rein, die Gefahr nahe und der Geist voll einer fröhlichen Bosheit, so passt es gut zueinander.“ (N. aus Zarathustra)

Zusammengestellt von D. Malchow 2004




Abschied

Die Krähen schrei´n / Und ziehen schwirren Flugs
zur Stadt: / Bald wird es schnei´n - / Wohl dem, der
jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr, / Schaust rückwärts ach! wie
lange schon! / Was bist du Narr / Vor Winters in die
Welt – entflohn?

Die Welt – ein Tor / Zu tausend Wüsten stumm und
kalt! / Wer Das verlor, / Was du verlorst, macht nir-
gends Halt.

Nun stehst du bleich, / Zur Winter-Wanderschaft
verflucht, / Dem Rauche gleich, / Der stets nach
kältern Himmlen sucht.

Flieg´, Vogel, schnarr´/ Dein Lied im Wüsten-Vo-
gel-Ton! - / Versteck´, du Narr, / Dein blutend Herz
in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei´n / Und ziehen schwirren Flugs
zur Stadt: / Bald wird es schnei´n, / Weh dem, der
keine Heimat hat!

 

Parteien und Parteijünger

Dies Nicht-sehen-Wollen, was man sieht, dies Nicht-so-sehen-Wollen, wie man es sieht, (ist) beinahe die erste Bedingung für alle, die Partei sind in irgendwelchem Sinne: Der Parteimensch wird mit Notwendigkeit Lügner.

 

Die Völker werden so sehr betrogen, weil sie immer einen Betrüger suchen, nämlich einen aufregenden Wein für ihre Sinne. <> Der Rausch gilt ihnen mehr als die Nahrung – hier ist der Köder, an dem sie immer anbeißen werden!

 

Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes – aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.

 

Ich verderbe jedermann den Geschmack an seiner Partei: - das verzeiht mir keine Partei.

 

Die einen regieren aus Lust am Regieren; die anderen, um nicht regiert zu werden: - diesen ist es nur das geringere von zwei Übeln

 

Starke Wasser reißen viel Gestein und Gestrüpp mit sich fort, starke Geister viel dumme und verworrene Köpfe.

 

Unsere Anhänger vergeben es uns nie, wenn wir gegen uns selbst Partei ergreifen: denn dies heißt, in ihren Augen, nicht nur ihre Liebe zurückweisen, sondern auch ihren Verstand bloßstellen.

 

Wie wenig Anhänger zu bedeuten haben, begreift man erst, wenn man aufgehört hat, der Anhänger seiner Anhänger zu sein.

 

Der gefährlichste Anhänger ist der, dessen Abfall die ganze Partei vernichten würde: also der beste Anhänger.

 

Tactik der Parteien. – Wenn eine Partei merkt, dass ein bisheriger Zugehöriger aus einem unbedingten Anhänger ein bedingter geworden ist, so erträgt sie diess so wenig, dass sie, durch allerlei Aufreizungen und Kränkungen, versucht, jenen zum entschiedenen Abfall zu bringen und zum Gegner zu machen: den sie hat den Argwohn, dass die Absicht, in ihrem Glauben etwas Relativ-Werthvolles zu sehen, das ein Für und Wider, ein Abwägen und Ausscheiden zulässt, ihr gefährlicher sei als ein Gegnerthum in Bausch und Bogen.

 

Abfall. – Wer von uns abfällt, beleidigt damit vielleicht nicht uns, aber sicherlich unsere Anhänger.

 

In jeder Partei ist einer, der durch sein gar zu gläubiges Aussprechen der Parteigrundsätze die Übrigen zum Abfall reizt.

 

Die Gründe und die Absichten hinter der Gewohnheit werden immer zu ihr erst hinzugelogen, wenn einige anfangen, die Gewohnheit zu bestreiten und nach Gründen und Absichten zu fragen. Hier steckt die große Unehrlichkeit der Konservativen aller Zeiten: - es sind die Hinzu-Lügner.

 

Eine Behauptung wirkt stärker als ein Argument, wenigstens bei der Mehrzahl der Menschen; denn das Argument weckt Misstrauen. Deshalb suchen die Volksredner die Argumente ihrer Partei durch Behauptungen zu sichern.

 

Man trifft die idealistischen Theorien am sichersten bei den unbedenklichen Praktikern; denn sie brauchen deren Lichtglanz für ihren Ruf.

 

Nicht die Führer aus der Gefahr gefallen euch am besten, sondern die euch von allen Wegen abführen, die Verführer.

 

Ein Antisemit wird dadurch durchaus nicht anständiger, dass er aus Grundsatz lügt...

 

Der Fanatismus ist <> die einzige „Willensstärke“, zu der auch die Schwachen und

Unsicheren gebracht werden können.

 

Öffentliche Meinungen – private Faulheiten.

 

Warum man widerspricht. – Man widerspricht oft einer Meinung, während uns eigentlich nur der Ton, mit dem sie vorgetragen wurde, unsympathisch ist.

 

Werth abgeschmackter Gegner. – Man bleibt mitunter einer Sache nur desshalb treu, weil ihre Gegner nicht aufhören, abgeschmackt zu sein.

 

Wink für Parteihäupter. – Wenn man die Leute dazu treiben kann, sich öffentlich für Etwas zu erklären; so hat man sie meistens auch dazu gebracht, sich innerlich dafür zu erklären, sie wollen fürderhin als consequent erfunden werden.

 

Nicht geeignet zum Parteimann. – Wer viel denkt, eignet sich nicht zum Parteimann: er denkt sich zu bald durch die Partei hindurch.

 

Der Parteimann. – Der ächte Parteimann lernt nicht mehr, er erfährt und richtet nur noch.

 

Eine Affectation beim Abschiede. – Wer sich von einer Partei oder Religion trennen will, meint, es sei nun für ihn nöthig, sie zu widerlegen. Wir sind nicht aus strengen Erkenntnissgründen auf die Seite einer Partei oder Religion getreten: wir sollen diess, wenn wir von ihr scheiden, auch nicht affectiren.

 

Geist und Charakter. – Mancher erreicht seinen Gipfel als Charakter, aber sein Geist ist gerade dieser Höhe nicht angemessen – und Mancher umgekehrt.

 

Die Masse muss den Eindruck haben, dass eine mächtige, ja unbezwingliche Willenskraft da sei; mindestens muss sie da zu sein scheinen. Den starken Willen bewundert jedermann, weil niemand ihn hat.

 

Man erwäge doch, mit dem Wissen und den Erfahrungen eines Irrenarztes, <> dass vier von den Tatendurstigsten aller Zeiten Epileptiker gewesen sind (nämlich Alexander, Cäsar, Muhammed und Napoleon)

 

Die pathologische Bedingtheit seiner Optik macht aus dem Überzeugten den Fanatiker – Savonarola, Luther, Rousseau, Robespierre, Saint-Simon-, den Gegensatztypus des starken, des freigewordenen Geistes. Aber die große Attitüde dieser kranken Geister, dieser Epileptiker des Begriffs, wirkt auf die große Masse.

 

Um die Menge zu bewegen. – Muss nicht Der, welcher die Menge bewegen will, der Schauspieler seiner selber sein? Muss er nicht sich selber erst in´s Grotesk-Deutliche übersetzten und seine ganze Person und Sache in dieser Vergröberung und Vereinfachung vortragen?

Neid, Gerechtigkeit, Gleichheit

Die „Gleichheit“ <> gehört wesentlich zum Niedergang: die Kluft zwischen Mensch und Mensch, Stand und Stand, die Vielheit der Typen, der Wille, selbst zu sein, sich abzuheben – das, was ich Pathos der Distanz nenne, ist jeder starken Zeit zu eigen.

 

Das ist ein Neidbold, - dem muss man keine Kinder wünschen; er würde auf sie neidisch sein, weil er nicht mehr Kind sein kann.

 

Mit einem grossen Ziele ist man sogar der Gerechtigkeit überlegen, nicht nur seinen Thaten und seinen Richtern.

 

Doppelte Art der Gleichheit. – Die Sucht nach Gleichheit kann sich so äussern, dass man entweder alle Anderen zu sich hinunterziehen möchte (durch Verkleinerung, Secretiren, Beinstellen) oder sich mit Allen hinauf (durch Anerkennung, Helfen, Freude an fremden Gelingen).

 

Die weltliche Gerechtigkeit. – Es ist möglich, die weltliche Gerechtigkeit aus den Angeln zu heben – mit der Lehre von der völligen Unverantwortlichkeit und Unschuld Jedermannes: und es ist schon ein Versuch in gleicher Richtung gemacht worden, gerade auf Grund der entgegengesetzten Lehre von der völligen Verantwortlichkeit und Verschuldung Jedermannes. Der Stifter des Christenthums war es, der die weltliche Gerechtigkeit aufheben und das Richten und Strafen aus der Welt schaffen wollte. Denn er verstand alle Schuld als „Sünde“, das heisst als Frevel an Gott und Verwandte eines Selbstmörders. – Verwandte eines Selbstmörders rechnen es ihm übel an, dass er nicht aus Rücksicht auf ihren Ruf am Leben geblieben ist.