Walther Rathenau – begraben und vergessen

Anlässlich der Ermordung von Walther Rathenau sagte der britische Kanzler Lloyd George: „Deutschland hat Selbstmord begangen“. Am 24.06.1922, wurde Walther Rathenau von Rechtsextremisten in seinem Cabriolet auf dem Weg zum Auswertigen Amt erschossen. 84 Jahre später soll erinnert werden: Walther Rathenau war einer der glänzendsten und genialsten Persönlichkeiten des letzten Jahrhunderts. Bei seiner Beerdigung in Berlin demonstrierten eine Million Menschen. Er vollbrachte ein Lebenswerk, das uns noch heute staunen lässt.

 

Gibt es heute einen Mann seines Formats? Von den Politikern forderte er den Mut zu unpopulären Entschlüssen, von Managern – Moral, Phantasie und Mitbestimmung, von der Kirche – Freiheit des Denkens, von der Wissenschaft – Gefühl, von Künstlern – Kenntnisse der Wissenschaft und Wirtschaft, von den Nationalisten – Patriotismus, von den Sozialdemokraten – eine echte Revolution.

 

Er war ein einsamer Grenzgänger, der bereits auf die Fragen der Zukunft antwortete und sich deshalb bei fast allen unbeliebt machte. Die Unternehmer nannten ihn einen deutschen Lenin, einen Anarchisten oder Jesus im Smoking, die Linken – einen verkappten Kapitalisten, die Künstler – einen Geschäftemacher, die Geschäftsleute – einen Phantasten, die Professoren – einen Dilettanten und Utopisten, die Juden  - einen Abtrünnigen und die Deutschen beschimpfen ihn als Juden. Er sah den Bankrott Preußens und kritisierte den Kaiser, hätte aber alles für Kaiser und Vaterland getan. Er suchte Anerkennung, hatte aber keine Freunde. Er liebte Deutschland, war aber in Jahre 1922 der verhassteste Deutsche.

 

Mit Sicherheit gehört Walther Rathenau mit Fontane zu den zwei berühmtesten Bürgern, die in der Mark ihren Wohnsitz hatten. Rathenau war ein Schriftsteller von Format, ein Spitzen-Wirtschaftsmanager, ein überragender Politiker, ein scharfsinniger Analytiker. Trotzdem ist er so gut wie vergessen. Fragen Sie einmal einen Schüler unserer Region, was er von Rathenau weiß! Suchen Sie einmal eine „Rathenau“-Schule! Gibt es Wettbewerbe zum Gedenken an Walther Rathenau?

 

Es ist nachvollziehbar, warum die Nazis etwas gegen den Juden Rathenau hatten. Lange vor seiner Ermordung wurde er schon vom Volksgerichtshof der deutschnationalen Gosse verurteilt, als es hieß: „Schlagt tot den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau!“ Nachvollziehbar ist es auch, warum Rathenau im Sozialismus keine euphorischen Verehrer fand, war er doch der Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau und selbst einer der größten Wirtschaftsmanager der damaligen Zeit, eben nur auf der falschen Seite im Klassenkampf, wenn man seine Schriften nicht richtig liest. Das Zeitalter von Ideologie und totalitärer Weltanschauung ist aber in Deutschland vorbei.

 

Man könnte meinen, dass die Trägheit der alten Auffassungen heute noch dafür sorgt, dass Rathenau fast vergessen ist. Vielleicht fehlt in der Region das Interesse an der eigenen Geschichte. Möglicherweise schreibt Walther Rathenau zu anspruchsvoll für viele Leser. Sicherlich ist Walther Rathenau viel zu widersprüchlich für schlichte Theorien. Dies sind aber alles keine Gründe, um auch in Zukunft so weiter zu machen. Seine Schriften sind eine Schatztruhe. Es wird Zeit, sie zu heben, denn Rathenaus Texte sind auch für den heutigen Leser aktueller denn je, inspirierend und einfach brillant.

 

Seine Lebensumstände waren so dramatisch, dass sie einen Film wert sind. Die politischen Umstände, die vor allem in der Zeit von 1918 – 1922 seine letzten 4 Lebensjahre prägten, sind längst wieder aktuell. Attentate gibt es weltweit wieder in großer Zahl, auch pauperisierte Verschwörer und militarisierte junge Menschen, die Rathenau zum Verhängnis wurden. Sie bestimmen in vielen Regionen das Weltgeschehen. Auch sie sind Anhänger von totalitären Ideen, zum Teil nationalen, vor allem theokratischen. Bei ihnen handelt es sich – wie bei den heimkehrenden Soldaten 1918 – um junge Menschen, die nicht den Weg in eine Zivilgesellschaft gefunden haben. Durch radikale Aktionen kompensieren sie Ihre soziale Deklassierung und wollen sich durch einen fanatischen Glauben von Verlierern zu Gewinnern machen.

 

In den letzten vier Jahren bis zu Rathenaus Tod ging es in der politischen Auseinandersetzung immer wieder um ein brandaktuelles Thema: den Versuch, eine Demokratie in einem Land zu etablieren, die vom Krieg zerstört und sozial angeschlagen ist. Die Weimarer Republik war eine Demokratie ohne genügend Demokraten und mit zu vielen verunsicherten Bürgern ohne Mut und Perspektive.

 

Es ist Zeit für eine Renaissance Walther Rathenaus. Um unserer selbst willen! Lassen Sie uns überlegen, wie wir von Rathenau lernen können und was wir machen können, um ihn der Vergessenheit zu entreißen. Pädagogen könnten darüber nachdenken, wie man sein Leben und seine Zeit in Fächern wie Politik, Geschichte, Gesellschaftskunde, Wirtschaft usw. den Schülern nahe bringen kann. Auch unsere Touristik-Verantwortlichen sollten die Genialität Rathenaus nutzen, indem sie z. B. Ideenwertbewerbe darüber veranstalten, wie man mit seiner Hilfe unsere Region attraktiver macht. Filmemacher, Regisseure und Autoren könnten darüber nachdenken, wie man ein packendes Drehbuch schreibt und das notwendige Geld für eine Filmproduktion auftreibt. Welcher namhafter Politiker oder Autor ist für ein neues Rathenau-Buch zu gewinnen und welcher Verlag ist hieran interessiert? Und: Wie kann man möglichst schnell die Innenräume des Bad Freienwalder Schlosses rekonstruieren, der einzigen Walther-Rathenau-Gedenkstätte in Deutschland?

 

Der Autor dieses Artikels ist Geschäftsführer der WIM GmbH in Bad Freienwalde (03344/41760) und führt am 02.09.2006 (ab 10:00 Uhr) einen „Rathenau-Workshop“ im Bad Freienwalder Wirtschaftsinstitut durch. Wenn Sie Interesse an der Teilnahme haben, würden wir uns freuen und bitten um Information (dmalchow@oderland.de).